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Das Shōbōgenzō, zu deutsch etwa Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges ist nicht nur in Sachen Seitenzahlen das wahrscheinlich umfangreichste und anspruchsvollste Werk im Zen. Es versammelt die Vorträge und Aufsätze, die der Begründer des japanischen Soto-Zen, Dōgen Zenji, nach seiner Rückkehr aus China zwischen 1231 und 1253 hielt bzw. schrieb.

Das bekannteste Kapitel ist mit Sicherheit das Genjokoan („Den Buddhaweg studieren heißt, sich selbst zu studieren…“). Aber jedes der insgesamt 95 Kapitel führt tief in ein Denken „jenseits des Denkens“ - Dōgen versteht es wie kaum ein anderer, so konsequent mit der Sprache zu spielen, dass die Gewissheiten des Denkens (auch des buddhistischen!) immer wieder ad absurdum geführt werden. Die Themen sind so vielfältig wie die Wirklichkeit; von umfassenden Themen wie der Zeit, dem Universum, der Natur bis hin zu konkreten Alltagsgegenständen wie der täglichen Toilette ist Dōgen nichts zu hoch und nichts zu gering, um betrachtet zu werden.

Das Shōbōgenzō bietet wie kaum ein anderes Werk eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der Philosophie des Zen und des Buddhismus allgemein; allerdings verhehlt Dōgen in keinem Moment, dass es mit der philosophischen Betrachtung nicht getan ist. Sein ganzes Denken und Schreiben lenkt immer wieder hin zu dem konkreten Moment, zu der Handlung, in der sich Wirklichkeit (Buddha-Natur) erfahren und praktizieren lässt: jenseits des Denkens. Sprache und Denken sind legitime Wege zur Wirklichkeit, ihre Perspektiven aber sind beschränkt. Entsprechend wechselt Dōgen immer wieder die Perspektive; um in westlichen Kategorien zu sprechen: ein idealistischer Blick wird ergänzt durch eine materialistische Herangehensweise, Poetisches und Existenzielles schließen sich nicht aus, sondern ergänzen einander.

In jedem Satz Dōgens stecken Anspielungen und Zitate, die auf praktisch die gesamte buddhistische Literatur verweisen; zahllose Koans werden Wort für Wort befragt. Die Anmerkungen von Gudō Wafu Nishijimi-Roshi, die aus der deutschen Ausgabe im Kristkeitz-Verlag eine mustergültige Edition machen, sind daher unverzichtbarer Bestandteil der Lektüre. Die hochwertige und ansehnliche Ausstattung der vier Bände sorgt dafür, dass das Shōbōgenzō ein lebenslanger Begleiter werden kann. Denn auch wenn die Lektüre des Shōbōgenzō anstrengend und anspruchsvoll ist: sie ist selbst schon ein Stück weit eine Zazen-Übung.


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Die Verwirklichung der Wirklichkeit

In Dõgens Lehre ist das Erwachen keine Sache des "satori", sondern eine tiefgründige Wahrnehmung der Tatsache, dass unsere Existenz uns nicht persönlich gehört. Auf 300 Seiten widmet sich Shohaku Okumura dem Schlüsseltext des Shõbõgenzõ.

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Sit Down and Shut Up

Wie in einem guten Popsong schafft es Brad Warner immer wieder, die passenden Slogans und die treffenden Bilder zu finden, um in knappen Sätzen zum Ausdruck zu bringen, was anderswo blumig verpackt und esoterisch aufgeweicht wird.

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Geschichte für einen Augenblick

Meister Dogen und Marcel Proust, eine japanische Zen-Nonne, ein junges Mädchen im Dienstmädchen-Café und eine amerikanische Schriftstellerin, der 2. Weltkrieg und der Tsunami vom März 2011 - es sind Welten, die in dem Roman Geschichte für einen Augenblick der amerikanischen Autorin und Zen-Priesterin Ruth Ozeki aufeinander treffen.

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