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Ausgerechnet Brad Warner, der in seinen bisherigen Büchern Hardcore- und Punkmusik, japanische Monsterfilme und Zen zusammenbrachte, für die Suicide Girls Blogbeiträge verfasste und als rosa Kaninchen auf Youtube zu sehen ist, schreibt ein Buch über Gott? Warum eigentlich nicht?

Warner ist seit frühester Kindheit, das weiß man auch schon aus seinen vorherigen Büchern, auf der Suche nach dem, wie er schreibt, “Geheimnis unserer Existenz”. Auf dieser Suche lernte er verschiedene religiöse Gemeinschaften und deren Glaubensmuster kennen, ohne dass ihn eine der gegebenen Antworten überzeigen konnte. Erst in der Praxis des Zen wurde er fündig. Was er fand, war keine Antwort, sondern eher eine Frage, eine Haltung: ein Verzicht aus Respekt vor dem, was sich der Benennung und Erklärung entzieht.

The problem is that most religions proceed to try and explain the truth and then insist that we agree with their explanation. In Buddhism we’re not very concerned with explanations of the truth. We’re interested in living it.

Kein Name, kein Bild

Warners Zugang zum Zen ist auch in diesem Buch ein autobiographischer. Die Kapitel folgen seinen Reisen über den Globus, erzählen von Aufenthalten in Jerusalem, in Irland oder Polen, nehmen Begebenheiten aus Sesshins oder Kommentare auf Warners Blog zum Ausgangspunkt, um z.B. die oft unverständlich wirkenden Texte Dogens auf sehr konkrete und gegenwärtige Weise zu interpretieren.

Warner sucht Gott an seltsamen Orten und bleibt dabei bewusst fragmentarisch und widersprüchlich. “Letzte Antworten” gibt es nicht. Warner bleibt, das macht seine “Lehre” aus, nah am Unberechenbaren, Unerklärbaren und Unsteten des Lebens. “Gott” ist eine Wortschöpfung für den tiefen Grund des Seins, für das Universum an sich, in dem wir nicht nur leben - nein: das wir selbst sind.

Indem er dem Zen - einer “Religion ohne Glauben” - die Verwendung dieses Worts (im Grunde: mangels eines Besseren) vorschlägt, betreibt Warner keine Vermischung der Religionen. Vielmehr ist er der Ansicht, dass gerade der oft missverstandene Begriff “Gott” sehr gut geeignet ist, um auf den Kern des Zen zu zeigen: am Rande des Sagbaren, in einem “Denken jenseits des Denkens”, von dem bei Dogen die Rede ist.

To get a grip on what Buddhism is actually about we need a word that’s biger than enlightenment, that’s bigger than satori.

All diese Worte, mit denen Zen-Praktizierende gern umgehen, produzieren Bilder und bestimmte - gern exotische, spannend klingende - Konzepte, mit denen die Erfahrung, um die es im Zen eigentlich geht, eingeschränkt wird. Genau dieser “Domestizierung” verweigert sich das kleine Wörtchen Gott - es ist in gewissem Sinne “unfassbar”:

God is a good word to use for what Zen is about because shoving the word God into a tidy intellectual container would be like trying to show a live octopus into a Kleenex box.

Zen ist mehr als eine Methode zur Stressreduktion, so Warner: in der Praxis geht es um ein Vertrauen und eine Hingabe, die weit über die persönlichen Grenzen und die gewohnte Einteilung der Welt hinausgeht. Sie führt geradewegs in das pure “Sein”. Gott?

Kein “enlightenment porn”

The only way I know of to get in touch with what God wants is to be very, very, very quiet. This is not easy to do. You have been taught since birth to make your mind as noisy as possible. To sitz down and shut up - in other words, to do Zen practice or at least something like it - takes a great deal of effort.

Warner macht auch in diesem Buch aus seiner Abneigung gegen spirituelle Gurus jeder Art keinen Hehl. Die Wahrheit, um die es ihm geht, liegt im ganz konkreten Sein eines jeden Einzelnen. “Gott” ist für ihn kein Konzept, das dem alltäglichen, oft auch unbefriedigenden Leben eine sinnstiftende Perspektive entgegensetzt - “Gott” ist dieses Leben.

Dementsprechend vermeidet Warner auch jede Art von, wie er es nennt, “enlightenment porn”. Ob es so etwas wie Erleuchtung überhaupt gibt? In jedem Fall sieht sie, so Warner, nicht so aus, wie man sich das gern denkt. Die Bedeutung des Seins? Ist das Sein selbst. Und über Gott? Lässt sich am besten schweigen.

I’ve spent this whole book trying to say something about God. But in the end, you can’t really say anything about God. Anything you say limits God and therefore is a mistake.

Warum aber lohnt sich die Lektüre dieses Buches? Weil Brad Warner (mittlerweile) ziemlich gut zu schreiben vermag. Und weil er einen sehr authentischen, aufrichtigen Zugang zum Zen bietet, mit allen Widersprüchen und Fragezeichen. Ein Buch voller Fragen, die man ins eigene Leben, in die eigene Praxis mitnimmt.


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