In der Dunkelheit steige ich die Treppen zum Dachboden hinauf, entzünde eine Kerze und ein Räucherstäbchen und setze mich zum morgendlichen Zazen auf mein Kissen. Seit gerade einmal zwei Jahren meditiere ich hier oben, und der Raum, durch dessen Fenster während des Sitzens das erste Licht des Morgens zaghaft seinen Weg sucht, nimmt einen festen Platz in meinem Alltag - und in meinem Herzen - ein. Während des Zazen weichen die mit mir erwachten Gedanken und Fragen an den neuen Tag der Stille. Und der Traurigkeit.

Wir müssen Abschied nehmen. Zwei Jahre sind keine lange Zeit, um in dem alten Bauernhaus mit seinem kleinen Garten und dem Feld gleich hinterm Gartenzaun heimisch zu werden. Unsere große Tochter hat hier gelernt, sich selbständig in einem immer größer werdenden Radius zu bewegen, hat zahllose Quellen für Abenteuer entdeckt und einen wichtigen Teil ihrer Kindheit “im Freien” verbracht. Ihre Schwester wurde hier gezeugt: sie hat die Welt in ihrem ersten Jahr vorwiegend an diesem freundlichen Ort kennengelernt. Unseren Kater haben wir hier begraben.

Nicht ganz freiwillig werden wir nun zurück in die Stadt ziehen. Uns erwartet eine schöne Wohnung, kurze Wege, die Nähe zu Freunden. Es gibt also Anlass zur Freude. Allein: die erneute Veränderung und der Abschied von einem liebgewonnenen Ort wiegen schwerer als gedacht. Vieles wird anders, manches wird uns fehlen - und auch der neue Meditationsplatz muss erst noch gefunden werden.

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Buddhists against Change

Mark Lesser sprach in einem Podcast des San Francisco Zen Center einmal ironisch davon, eine Bewegung namens Buddhists against Change gründen zu wollen. Ja: auch Zen-Praktizierende und Buddhisten dürfen ihre Probleme mit Veränderungen haben. Liebgewonnenes loszulassen, Neues anzunehmen, sich auf immer wieder wandelnde Lebensumstände einlassen: das fällt auch nach Jahren der Zen-Praxis nicht leicht und erregt Unwillen.

Als ich vor einigen Jahren verstärkt mit meiner Zen-Praxis begann, arbeitete ich gleichzeitig in einem Coaching an meiner “Unternehmer-Identität”. Ausgehend von systemischen Ansätzen kreisten die Gespräche mit meinem Coach immer wieder um die eigentliche Ursache meiner Probleme, meines Leidens: Meine Gedanken.

Nun sitze ich an diesem Herbstmorgen auf meinem Kissen und werde mit der Traurigkeit konfrontiert, die am Tage meist von der Vorfreude verdeckt wird. Ja, wir werden Vertrautes aufgeben müssen. Ja, wir werden nicht mehr vor der Haustür unser erweitertes Wohnzimmer genießen können. Ja, es wird ein wenig enger, und unter den Vogelgesang wird sich der Stadtlärm mischen. All das sind Gedanken, die die Traurigkeit füttern. Doch sie verlieren an Gewicht im Laufe des 30minütigen Zazen.

Genau an diesem Punkt entsteht Leiden. Wenn ich festhalte an den Gedanken, sie wachsen lasse und mich mit ihnen gegen die Wirklichkeit - die Umstände - stelle. In der systemischen Betrachtung, ähnlich wie im Zen, gibt es kein Richtig oder kein Falsch: es gibt nur Handlungen, die sich in der jeweils konkreten Situation als besser oder schlechter erweisen. Im Grunde geht es immer wieder, jeden Moment erneut, nur darum, eine angemessene Antwort auf die jeweils konkrete Frage zu finden. Es gilt, die Umstände anzunehmen, sich ihnen anzupassen - nicht: sich ihnen zu beugen - und sich innerhalb der jeweils gegebenen Bedingungen zu bewegen. Nur hier ist Glück möglich: im Augenblick, der den Vergleich nicht kennt. Oder, da wir als Menschen ja jederzeit in mehreren gleichzeitigen Wirklichkeiten leben: wenn wir um die Vergleichsmöglichkeit wissen und dennoch einlassen auf das, was ist.

Da mögen sich manche Umstände - das Leben auf dem Land - richtiger anfühlen als andere - der Umzug in die Stadtwohnung. Die Bewertung entstammt meiner Traurigkeit und einem Haufen von Gewohnheiten und Vorlieben, an die ich mich klammere. Ich kann mich gegen den Wandel stellen und werde leiden - oder ich kann den Wandel annehmen und mich auf das Neue einlassen. Und der Meditationsplatz findet sich dann fast von allein.


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