In Bezug auf die sogenannte „Flüchtlingskrise“ schrieb mein Zen-Lehrer neulich: Wir müssten uns unserer eigenen Angst bewusst werden. Es bräuchte jetzt einen klaren, ruhigen Geist - und ein warmes Herz. Wie sehr das warme Herz, das Mitgefühl, mit dem klaren Geist zu tun hat, das erlebe ich momentan täglich. Im Zusammenleben mit meinem Kind.

Manchem mag dieser Vergleich unangemessen erscheinen. Dennoch: Im Zusammentreffen mit Flüchtlingen wie im Zusammenleben mit einem kleinen Kind lassen sich Angst und Liebe, beides, erfahren. Von der Entscheidung, welchem dieser Gefühle man folgt, in welchem man sich übt, hängt dann die weitere Geschichte ab.

Ich teile keine der Ängste, die die zu uns kommenden Flüchtlinge auslösen. Ich sorge mich nicht um eine Islamisierung, ich habe keine Angst um Arbeitsplätze oder darum, dass meine Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen müssen, die durch Überfremdung unsicher geworden und von Gewalt beherrscht ist. Und doch glaube ich, diese Ängste zu kennen. Irgendwann am Tag ist sie plötzlich da: die Angst, es (was eigentlich?) nicht mehr zu schaffen.

Leben mit einem Kind

liebe

Das Leben mit einem Kind gleicht auf gewisse Weise dem Leben mit Flüchtlingen, das unsere Gesellschaft, so sagt man, heute vor so große Herausforderungen stellt. Das Kind wie der Flüchtling benötigt unsere Hilfe, und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt. Das Kind wie der Flüchtling fragt nicht danach, ob wir gerade mal Zeit und Energie haben. Beide sind ganz einfach da. Und gehen, zum Glück, so schnell nicht wieder weg.

Jeder Mensch will etwas. Von seinem Leben. Von diesem Tag. In dieser Stunde. Unablässig schmiede ich Pläne und bastele an meinen eigenen Strategien. Ich habe einen Plan. Das Kind - wie der Flüchtling - ist einfach da und verurteilt jeden Plan, jede Strategie, zum Scheitern.

Jeder Mensch sorgt sich. Natürlich vor allem um die eigene Familie, um die engsten Freunde und: um sich. Ich sorge mich um mein Geld, um meine Zeit, ich frage mich besorgt, ob ich alles schaffe, was heute auf dem Plan steht. Und ich ahne, dass das alles wieder nicht zu schaffen ist. Die Sorge wächst. Das Kind - wie der Flüchtling - ist einfach da. Es interessiert nicht, worum ich mich sorge, und ob ich meine Sorge auch noch mit ihm teilen kann. Wachsen Sorgen eigentlich mit der Anzahl der Menschen, um die sie kreisen, oder verteilen sie sich dadurch und werden leichter?

Das Ende vom Lied: Jeder Mensch glaubt irgendwann, nichts mehr geben zu können. Jeder Vater weiß: irgendwann sind die Batterien alle, fehlt die Energie, ist man nur noch müde. Und Zeit: hat man sowieso keine mehr zu verschenken. Hat sich darüber eigentlich schon einmal eine Mutter beklagt?

Da steht man also, kann nichts mehr abgeben, weil man nicht einmal mehr weiß, ob man noch irgendetwas etwas hat: das Kind - wie der Flüchtling - ist einfach da. Und benötigt genau das, von dem du glaubst, das du es nicht mehr geben kannst: die Energie, die du nicht mehr zu haben meinst, die Zeit, die du doch so dringend für dich selbst benötigst.

Angst oder Liebe?

Um so müder ich bin, umso stärker werde ich mein knappes Gut verteidigen, wenn meine Tochter wieder einmal weint. Werde den Impuls haben, mich zu beschweren (bei wem?), mich abzugrenzen, um mein bisschen Hab und Gut zu schützen. Meine Gedanken drehen sich im Kreis, in einer Spirale, die immer enger wird und sich um ein Zentrum legt: mich. Was wird in der Zukunft? Was, wenn ich das und das und das heute wieder nicht schaffe? Ich brauche endlich einmal was für mich! Warum denkt nur niemand an mich!

Sobald die Angst uns besetzt und Abwehrreaktionen anspringen, werden das Herz und das Mitgefühl überdeckt. Die Folge ist, dass wir nur noch auf uns, auf unsere Sicherheit und unsere Bedürfnisse schauen, und das Gegenüber und das große Ganze aus dem Blick verlieren.1

So eine Spirale birgt das Problem, dass sie immer enger und schneller wird - und dass es keinen Ausweg aus ihr gibt. Es entwickelt sich eine Eigendynamik, die völlig losgelöst ist von der Realität. Und genau deshalb, weil ich in dieser Angst den Kontakt verliere zu der - in meinen Augen - Ursache meiner Angst, finde ich auf diesem Wege nie eine Antwort für all die Probleme, die ich mir selbst geschaffen habe.

Das Kind - wie der Flüchtling - ist einfach da.

Mitgefühl ist die Kraft, die unsere Selbstgrenzen überschreiten lässt, wogegen Angst die Grenzen unserer Identität immer mehr festzurrt. In der Angst schotten wir uns ab und werden starr. Wir mauern uns gleichsam in der kleinen und bekannten Welt unserer Ich-Identität ein. Wollen wir das wirklich?2

Es braucht ein Reset, etwas, das mich wieder auf den Boden zurückholt. Der Gang in die Stille ist ein möglicher Weg. Ein Blick in das Angesicht meines Gegenübers ist ein anderer. Keine Frage: Angst war noch nie eine hilfreiche Antwort.

Die Liebe dagegen, so schreibt Paulus im 1. Korintherbrief,

erträgt alles. Sie glaubt alles. Sie hofft alles. Sie hält allem stand.3

Das - und der Rest dieses großartigen Textes - ist nicht als Verhaltensgebot gemeint, sondern als Beschreibung einer möglichen Erfahrung - wenn ich mich auf sie einlasse. Wenn ich mich auf den Anderen einlasse, ihn annehme als eine Realität, gegenüber der ich mich nicht abschotten kann, dann werde ich lernen, mit ihm zu leben. Weder werde ich untergehen, noch wird irgendeines der von mir in meiner Sorge imaginierten Probleme mich ins Grab bringen. Natürlich: Probleme gibt es allerhand. Das Kind - wie der Flüchtling - aber ist einfach da. Was für ein Glück!

Vielleicht ist das Paradies kein Ort ohne Schmerz, Gewalt und Leiden, sondern eine Gesellschaft des Mitgefühls.4


  1. Das schreibt Richard Stiegler in seinem Beitrag Zwischen Angst und Mitgefühl - Vom inneren Umgang mit der aktuellen Flüchtlingswelle 

  2. ebd. 

  3. Das Hohelied der Liebe zum Nachlesen findet man z.B. hier 

  4. Noch einmal Richard Stiegler. 


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