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Der in Japan lebende Filmemacher Werner Penzel zeigte 2016 in seinem Kinofilm Zen for Nothing mehr oder weniger unkommentiert Leben und Praxis im Zen-Kloster Antaji. Auch der Abt des Klosters, Abt Muho kam zu Wort. Nun hat Muho, mit bürgerlichem Namen Olaf Nölke, ein Buch geschrieben, in dem man unter anderem erfährt, wie er als Deutscher Abt eines japanischen Klosters wurde.

Neben seiner Lebensgeschichte widmet sich Nölke aber auch Fragen der Zen-Praxis und der buddhistischen Philosophie. Eine zentrale Rolle spielt dabei die von ihm immer wieder thematisierte Frage nach dem Tod. Wie in anderen vergleichbaren Werken - wie z.B. des von mir sehr geschätzten Brad Warner - versucht Nölke, Einführung ins Zen und Autobiographie zu verknüpfen: scheinbar ein bewährtes Erfolgsrezept. Warum könnte es sich dennoch lohnen, dieses Buch zu lesen?

Zum einen, weil Nölke sich der Zen-Praxis auf sehr westliche Weise nähert: Wo andere philosophieren, da kann er erzählen. Seine Geschichte, seine Erlebnisse, aber auch die buddhistische Philosophie - all das präsentiert er mit dem Gestus eines freundlichen und geübten Erzählers: leicht und flüssig, pointiert und anschaulich, mit einem Hang zu konkreten Ankedoten und anschaulichen Bildern und immer im Dialog mit dem Leser.

So wird auf eindrucksvolle Weise die buddhistische Philosophie fassbar. Diese allzu einfache Verständlichkeit kann man zu recht auch problematisch finden. Denn indem sich Olaf Nölke in einfacher Sprache um Verständlichkeit bemüht, lässt er den Leser auch schnell vergessen, dass das, was er hier in einfachen Sätzen zum Ausdruck bringt, weit über das Lesen und das rationale Verstehen hinausweist und nur in der Praxis erfahren werden kann. Nölke erzählt auf eine Erkenntnis hin, als wäre die Zen-Praxis der Inbegriff eines klassischen deutschen Bildungsromans.

Aufgrund seiner Herkunft blickt Nölke immer wieder auch auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Buddhismus und Christentum. Ein zweiter, lohnenswerter Aspekt dieses Buches, der zwar nicht im Zentrum steht, für mich aber einige spannende Anregungen bereithielt.

Im Zentrum hingegen steht, der Titel legt es nahe, die Beschäftigung mit dem Tod. Den Untertitel Warum wir uns vor dem Tod nicht fürchten müssen halte ich indes für etwas gewagt - und ich habe meine Zweifel, ob das Buch darauf tatsächlich eine Antwort gibt. Ob das überhaupt ein Buch vermag. Verkaufsstrategie des Verlags also? Nicht nur.

Nölke erzählt von einem Leben ganz im Diesseits: Statt am “Ich” und seinen Vorstellungen und Begierden festzuhalten, fänden wir im Zen einen Weg, das Leben anzunehmen wie es ist, statt dem nachzujagen, wie es unserer Ansicht nach sein soll. Der Alltag, der Beruf, Probleme in der Beziehung und eben auch Krankheit und Tod sind auf diesem Weg zu meistern und fordern nichts anderes als unsere Gegenwart. Der Weg liegt darin, dass wir von uns, von unseren Vorlieben und Abneigungen, absehen - und den Weg einfach gehen.

Nicht das Leben ist das Problem, sondern wie ich mit dem Leben umgehe. Ich habe die Wahl, das Leben als unbeantwortbare Frage zu verstehen oder als die Antwort selbst. Zen lehrte mich loszulassen - die Vorstellung eines versteckten “wahren Selbst”. Die fixe Idee, das Leben müsse einen bestimmten Sinn haben. Die Suche nach Erleuchtung oder nach Glück oder wonach auch immer. … Durch die Praxis des Zen habe ich zumindest ein bisschen gelernt, von mir abzusehen und die Augen für die Welt zu öffnen, mich selbst in der Welt zu entdecken. Ich habe gelernt, dass es nicht darum geht zu fragen, was die anderen für mich tun können, und ich versuche, auch heute noch zu lernen, was ich für die anderen tun kann. … Denn das Leben benötigt keine Begründung und keinen tieferen Sinn.

Jedem der Kapitel wird ein Zitat von Sawaki Kodo vorangestellt; schade, dass hier ebenso wie für die Zitate von Meister Dogen keine Quellen angegeben werden. Auch der mit diesem schön gestalteten Buch angesprochene Leser ohne Zen-Kenntnisse hätte sich eventuell über die ein oder andere Lese-Anregung gefreut.

Trailer “Zen for Nothing”


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