Heute las ich zwei Artikel aus den vergangenen Wochen, die beide ihre Probleme mit dem Hype um die Achtsamkeit zum Ausdruck bringen, der längst auch in Europa angekommen ist.

Der Kult um die Achtsamkeit

In Die Welt ist mir zu viel1 reiht Julia Friedrichs die Achtsamkeit als Methode zur Stressreduktion in eine Reihe von Trends ein, die allesamt der Sehnsucht nach einem ruhigen, übersichtlichen, quasi vormodernen Leben entspringen. Von der Landlust bis zur idealisierten Handarbeit führt da eine Linie, auf der auch die Mindfullness Based Stress Reduction des Amerikaners Jon Kabat Zinn liegt: zu Recht beschreibbar als eine Flucht aus der Gesellschaft, aus dem Politischen ins Private, als Ausblenden von Widersprüchen und Belastungen.

Achtsamkeit?

Die Sehnsucht nach Meditation in allen Ehren – es ist zynisch, den Opfern von Gewalt vorzuhalten, sie mögen doch aufhören, uns mit ihrem Sterben zu belästigen? Ist es nicht wie bei Kindern, die die Augen zudrücken und hoffen, die Schrecken mögen verschwinden? Wer auf diesem Globus jenseits der Landesgrenzen von Lummerland/Deutschland kann sich eine solche Realitätsverweigerung erlauben?

Der Kritik der Autorin am Konzept der Achtsamkeit, wie es mittlerweile “gesellschaftsfähig” geworden ist, ist wenig hinzuzufügen. Allerdings macht die Kritikerin den gleichen Fehler, den die meisten der Mindfulness-Trainer und Achtsamkeits-Jünger begehen: Sie blendet die Ursprünge und Hintergründe des Begriffs Achtsamkeit einfach aus. Da wird es nämlich schnell komplexer. Würde sie über die Kritik hinaus in die Tiefen ihres Gegenstandes steigen, wäre der Vorwurf von Realitätsverweigerung und Rückzugsmentalität unter Umständen nicht haltbar.

Es stimmt: wenn Achtsamkeit nur im Zusammenhang mit der Optimierung des Ich bzw. der Besinnung des Subjekts auf sich selbst betrachtet wird, bleibt die Realität schnell außen vor. Sei achtsam auf das, was du tust: das wird zu nicht viel mehr als einer Idee, die es mir erlaubt, mich gut zu fühlen - wenn es mir gelingt, achtsam zu sein. So verstanden handelt es sich bei dem Konzept der Achtsamkeit um nichts anderes als ein Konsumangebot, das an die Stelle all der anderen Optionen tritt, mein Leben auszufüllen: Ich ziehe mich mir selbst rein, und das so bewusst und großartig, dass ich mich so richtig gut fühlen kann. Und wenn ich dann so richtig erfolgreich, also maximal achtsam bin, bestätigt mich das: Ich bin gut, richtig gut - und anders, vielleicht sogar: besser, als andere.

Wer ist Anderson Cooper?

Weiß ich nicht. Auch Brad Warner weiß es nicht, und es interessiert ihn eigentlich auch kaum, wie er in seinem furiosen Blog-Beitrag The Newly Mindful Anderson Cooper2 schreibt. Er nutzt einen Spot, in dem jener Cooper sich mit Mindfulness auseinandersetzt, allerdings zu einer anarchischen Abrechnung mit dem Konzept Achtsamkeit:

So Anderson Cooper’s life was changed by mindfulness. And Jon Cabbage Zen-Master got another couple of minutes in front of America. And no one is worth listening to unless Anderson Cooper has interviewed them on the fucking Internet. And mindfulness must be good because fucking Ander-fucking-son Coo-fucking-per went on a retreat and it changed his white, successful, TV person life.

Achtsamkeit ist in dieser Logik eben nur ein weiterer Stein in der Festung, die wir alle uns bauen. Indem wir uns in Achtsamkeit üben, achtsam unseren Tee trinken, achtsam einer Handarbeit nachgehen, achtsam denken und achtsam fühlen, arbeiten wir eben nicht daran, die Welt besser zu machen - sondern richten es uns einfach nur schön behaglich ein.

So yeah. Whatever. Anderson Cooper is into mindfulness now. Hoorah. And hashtagging will save the planet. And love is all you need.

Achtsamkeit in Wirklichkeit

In Wahrheit ist die Sache nicht komplexer, sondern einfach nur anders:

Was wir mit “Achtsamkeit” übersetzen, heißt in Sanskrit samyaksmṛti und ist Teil des Edlen Achtfachen Pfads: einem Weg, der zu einem Ende des Leidens (dukkha) und zu einem Leben in Einklang mit der Wirklichkeit führen soll. Shakyamuni Buddha hat, als er diese Lehre vor 2500 Jahren verbreitete, betont, dass alle Glieder dieses Pfads nicht nur gleichwertig sind, sondern zusammenhängen.

Die Glieder dieses Edlen Achtfachen Pfads sind:

  • Rechte Einsicht
  • Rechte Einstellung
  • Rechte Rede
  • Rechte Handlung
  • Rechter Lebenserwerb
  • Rechte Anstrengungen
  • Rechte Achtsamkeit
  • Rechte Sammlung

Das bedeutet: Achtsamkeit ist keine isolierte Geistesübung, sondern Bestandteil einer Lebenspraxis. Und diese Praxis hat nicht weniger als unsere Verbundenheit mit der Wirklichkeit zum Gegenstand. Dabei geht es nicht um mich, nicht darum, dass ich besser mit Widersprüchen und Problemen klar komme, nicht um eine Flucht vor der Realität in eine geschützte, überschaubare Zone - sondern einzig darum, mit beiden Beinen und ohne Illusionen in dieser Realität stehen zu können. Der Weg ist nicht, die Augen zu schließen und sich auf sich selbst zu besinnen - der Weg besteht darin, nicht wegzuschauen.

Ich bin jetzt achtsam?

Was im Sinne des achtfachen Pfades recht ist, ist nicht, was mir hilft - recht hat einzig die Wirklichkeit. Um diese - um ein Universum miteinander verbundener Lebewesen, das sich Augenblick für Augenblick neu verwirklicht, um ein Ganzes, dessen Teil ich bin - geht es im Zen. Wenn ich achtsam einen Weg hinauf laufe, dann ist es Achtsamkeit, eins zu werden mit dem Gehen - und im Gehen mit Steinen, Pflanzen, Tieren und dem Rest des Universum gemeinsam zu sein. Taucht da die Idee des Jetzt bin ich achtsam! auf, ist diese Verbundenheit auch schon dahin.

Ein Bodhisattva bleibt nach der Erleuchtung nicht auf seinem Berggipfel, in seiner Hütte, in der Höhle - er geht unter die Menschen und hilft ihnen. Sein Ort ist, der Zen-Überlieferung zufolge, der Marktplatz. Avalokiteshvara, der Bodhisattva des Mitgefühls, wird nicht umsonst derjenige genannt, die die Klagen der Welt hört.


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